Seit einigen Jahren befasse ich mich intensiv mit dem Einsatz der Homöopathie in der Schweinehaltung. Dabei erlebe ich die gesamte Bandbreite der Praxis. Dazu zählen die meist sehr schönen Erfahrungen, bei welchen eine Behandlung prompt anschlägt. Es gibt aber auch Enttäuschungen, wenn ein gemäss Lehrbuch perfekt beschriebenes Mittel keine Wirkung zeigt. Dies kann aber auch eine Chance sein, den Erkrankungsfall genauer zu analysieren, nochmals genauer hinzusehen, in die Details zu gehen und Ursachenforschung zu betreiben. Wenn man die wahre Ursache einer Erkrankung findet, kann oft auch in der Haltung oder im Stallmanagement etwas verbessert werden.
Der gezielte Einsatz von Homöopathie im Schweinestall hilft dabei, die Tiergesundheit nachhaltig zu stärken, Stress zu reduzieren und den Einsatz von Antibiotika zu senken. Die Methode wird dadurch sowohl bei der Zucht als auch bei der Mast zu einem wertvollen und erfolgreichen Werkzeug in der täglichen Praxis. Nachfolgend meine bevorzugten Einsatzbereiche.
Vorbereiten und Begleiten der Geburt
Verschiedene homöopathische Mittel unterstützen die Sauen optimal in der Geburtsvorbereitung, bereiten die ungeborenen Ferkel im Geburtskanal vor und fördern den Abgang der Nachgeburt. Wenn diese kritische Phase gut überstanden ist, ist der Grundstein für eine erfolgreiche Säugezeit und eine problemlose Wiederbelegung gelegt.
Häufig eingesetzte Mittel
- Geburtsvorbereitung: Caulophyllum, Pulsatilla
- Unter der Geburt bei Wehenschwäche: Caulophyllum
- Zum Abschluss der Geburt: Caulophyllum, Arnica
Klauen stärken
Über die Säugezeit sind die Sauen durch die enorme Milchproduktion einer extremen Belastung ausgesetzt, wodurch die optimale Versorgung der Klauen nicht immer ausreicht. Auch während der Deckzeit, beim Zusammenstellen der Gruppen und in der Trächtigkeit tragen die verhältnismässig kleinen Klauen das gesamte Gewicht unter erschwerten Bedingungen. Rangkämpfe, Buchten und Gruppenausläufe mit Absätzen oder Unebenheiten oder im Winter gefrorener Kot belasten das Fundament zusätzlich. Hier hilft die Homöopathie, die Klauengesundheit von innen heraus zu festigen.
Eingesetzte Mittel auf Bestandesbasis über längere Zeit
- Calcium fluartum für die Elastizität, Silicea für die Härte und Ferrum phosphoricum für die entzündlichen Prozesse.
Jageraufzucht und Mast
Schwanzbeissen und HPS (Glässersche Krankheit, neu GPS) sind meine Steckenpferde. Durch meine langjährigen Erfahrungen mit zum Teil älteren, baulich sowie lüftungstechnisch nicht optimalen Maststallungen konnte ich wertvolle Erfahrungen sammeln und ich bin immer wieder erstaunt, wie oft der Einsatz der Homöopathie geholfen hat.
Schwanzbeissen ist ein Symptom mit vielen verschiedenen Auslösern. Umso wichtiger ist die Ursachenbehebung. Ergänzend kann die Homöopathie den Tieren innerhalb kürzester Zeit helfen, den Drang zu beissen zu minimieren, die Wundheilung zu fördern und aufsteigende Infektionen zu unterbinden. Das ist nicht nur für die Schweine eine enorme Erleichterung, schliesslich sind solche Situationen im Stall auch für den Tierbetreuer schwer zu ertragen.
Mittelauswahl
Aus dem breiten Spektrum eine kleine Auswahl an Akutmittel:
- Schwanzbeissen: Nux vomica: Anwendung, wenn immer etwas zu viel ist (Stress, Futteraufnahme Zugluft, Temperaturschwankungen etc.)
- Wundheilung: Calendula und Zink Metallicum
- HPS – Vorbeugung: Bryonia und Ferrum Phosphoricum
Weitere Einsatzgebiete und Ausblick
Bei Themen wie Durchfall in der Jageraufzucht und im Maststall oder auch bei der Fruchtbarkeit habe ich noch etwas weniger Erfahrung – oder besser gesagt, die klassischen Mittel aus den Lehrbüchern haben hier oft nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Durch meine Tätigkeit bei der Profera konnte ich mit anderen, neuen Mitteln und Ansätzen erste positive Erfahrungen sammeln. Ich bin sehr gespannt, wie sich dies entwickelt und welche positiven Impulse wir in Zukunft in der Schweinehaltung erzielen können.
Praxis, gesetzliche Regeln und Grenzen
- Flexibilität in der Anwendung: Die Verabreichung lässt sich flexibel anpassen. Einzeltiere erhalten Globuli direkt ins Maul. Bei häufigerer Gabe löse ich diese in einer kleinen Einwegspritze auf, um sie gezielt auf die Schleimhaut (Maul) zu verabreichen. Bei ganzen Tiergruppen werden Globuli oder Tropfen (Dilution) in Wasser aufgelöst, gut umgerührt und über das Futter, die Futterstande oder das Tränkesystem (Dosatron) verabreicht. Sind diese Wege nicht machbar, kann die Lösung mit einer Sprühflasche, einer Birchmeier-Spritze oder einer Rückenspritze über den Tieren vernebelt werden. Die Aufnahme erfolgt über die Rüsselscheibe und die Augen. Kennen die Tiere das Vorgehen, so gibt es meist ein Gerangel, wer am meisten bekommt. Gibt man der Lösung etwas Salz bei, lecken die Tiere sich gegenseitig ab und nehmen den Impuls so auf.
- Wirtschaftlicher Vorteil: Ein grosser Pluspunkt für die Praxis ist, dass homöopathische Mittel keine gesetzliche Wartezeit haben.
- Wichtige Pflicht: Jede Behandlung muss ordnungsgemäss im Behandlungsjournal eingetragen werden, so wie es die Tierarzneimittelverordnung (TAMV) vorschreibt.
- Wo die Grenzen liegen: Homöopathie ist kein Allheilmittel. Bei schweren Erkrankungen, gebrochenem Knochen, hohem Fieber, akuter Atemnot oder mechanischen Geburtsstörungen stösst sie an ihre Grenzen. In diesen Fällen muss sofort der Tierarzt für eine klassische tiermedizinische Behandlung gerufen werden. Das Gute dabei: Sollten Tiere einmal nicht auf die homöopathische Behandlung ansprechen, steht dem nahtlosen Wechsel auf eine schulmedizinische Weiterbehandlung jederzeit nichts im Wege.
Bettina Guntli – Spezialistin auf dem Gebiet der Homöopathie


